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Tit er jeg glad

Posted on Juni 9, 2025August 11, 2026 By language services Keine Kommentare zu Tit er jeg glad

Carl August Nielsen zum 160. Geburtstag

Heute ist der Geburtstag eines dänischen Komponisten, der als einer der bedeutendsten Komponisten des Landes gilt, und dessen Lieder ihm einen Platz im Herzen vieler Menschen in und außerhalb Dänemarks verschafft haben.

In diesem Beitrag möchte ich euch Carl Nielsen und eines seiner Lieder vorstellen, in dem ich jenes von Freude und von Sehnsucht geprägte Lebensgefühl wiederzuerkennen meine, das mein neues Leben als Auswanderin in Nordjütland gerade so mit sich bringt.

Carl Nielsens Werdegang

Carl August Nielsen wurde am 9. Juni 1865 auf Fünen als siebtes Kind eines Anstreichers geboren. Der Vater war beruflich oft unterwegs, die Mutter dann allein auf sich gestellt und bemüht, die Kinder irgendwie durchzubringen.

Als Carl acht Jahre alt war, erteilte ihm der Vater Violinenunterricht, später lernte er zudem Trompete, was es ihm ermöglichte, mit 14 Jahren eine Stelle als Militärmusiker in Odense anzutreten.

1883 studierte Karl mithilfe eines Stipendiums in Kopenhagen Violine, fünf Jahre später veröffentlichte er erfolgreich seine erste „kleine Suite für Streicher“ und erhielt im Folgejahr eine Anstellung als Violinist am Königlichen Theater in Kopenhagen. 1891 heiratete er seine erste und einzige Frau, die Bildhauerin Anna Marie Brodersen.

Nielsens Musikerleben zeichnete sich durch seine rege Tätigkeit  als Violinist, Dirigent und Komponist aus, doch ein größerer Durchbruch gelang ihm erst 1916. Gemeinsam mit anderen Musikern und Dichtern gab er zudem verschiedene Sammlungen von eigens komponierten Volksliedern heraus – darunter das Folkehøjskolens Melodibog.

1925 wurde er „wie ein Volksheld gefeiert“, und so wie H.C. Andersen heute als der Nationaldichter Dänemarks gilt, kommt Nielsen eine ähnliche Rolle als Komponist zu. Beiden gemeinsam ist zudem, dass sie aus armen Elternhäusern stammen, die sich eine künstlerische Ausbildung eigentlich nicht leisten konnten, dass sie aber Unterstützer fanden, die ihnen dazu verhalfen.

Bildquelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Nielsen_(Komponist)#/media/Datei:Carl_Nielsen_c._1908_-_Restoration.jpg

Carl August Nielsen als Liedkomponist

„Wenn ich diese leicht verständlichen, einfachen Melodien schreibe, ist es, als ob gar nicht ich es wäre, der komponiert; als ob – wie soll ich sagen – es Menschen aus meiner Kindheit auf Fünen wären oder als ob das dänische Volk durch mich etwas wollte. Aber es mag so groß klingen, weil die Sache so gleichmäßig und einfach ist; zumindest für mich.“

”Naar jeg skriver disse letfattelige, enkle Melodier er det som om det slet ikke er mig der komponerer; det er som om – hvad skal jeg sige – det var Folk fra min Barndom ovre paa Fyn eller som om det var det danske Folk som ønsker noget gennem mig. Men det lyder maaske saa stort, da Sagen er saa jævn og simpel; i hvert fald for mig.”

Quelle

Seit der Jahrhundertwende hat Nielsen zahlreiche Lieder komponiert, die sich durch eine ebenso schlichte wie edle Melodieführung und eine ein- bis dreistellige Stimmführung auszeichnen.  Darunter auch mein derzeitiges Lieblingslied „tit er jeg glad“.

Tit er jeg glad 

Ich bin mit dem Gesamtwerk von Nielsen noch nicht wirklich vertraut, aber eines seiner Lieder hat mich unmittelbar ins Herz getroffen: Die Vertonung eines Liebesgedichtes von Bernhard Severin Ingemann (1789-1862) mit dem Titel „Oft bin ich glücklich“. Der Text stammt aus dem Jahr 1812, Nielsens Vertonung aus dem Jahr 1917.

Meine Übersetzung lautet so:

Oft bin ich glücklich

Oft bin ich glücklich und will doch gerne weinen,

weil niemandes Herz mein Glück teilt.

Oft bin ich traurig und muss doch lachen,

weil niemand die bange Träne sehen soll.

Oft liebe ich und will doch gerne seufzen;

oft muss sich das Herz stumm und streng verschließen

Oft wütet ich und lächle doch,

denn es sind Narren, die mich erzürnen.

Oft ist mir warm und ich friere in meiner Wärme;

weil die Welt mich mit frostigen Armen umfängt.

Oft ist mir kalt – und ich erröte dennoch,

denn die Welt löscht meine Liebe nicht aus.

Oft spreche ich – und will doch gerne schweigen,

wo das Wort den Gedanken nicht aufnehmen kann.

Oft bin ich stumm, wünsche mir eine laute Stimme,

um die beklemmte Brust auszuleeren.

O du, die allein meine Freude teilen kann!

Du weißt, an wessen Brust ich mich gern frei ausweinen würde!

O wenn du mich kenntest, wenn du mich liebtest,

könnte ich sein, wer ich bin – bei dir.

Eine sehr einprägsame Version des DR Mädchenchors unter Mitwirkung von Lau Højen findet ihr auf YouTube.

Wie vielseitig sich das Lied interpretieren lässt, bemerkt ihr, wenn ihr zum Vergleich noch der Version von Anne Dorte Michelsen lauscht, die von Helge Lillervedt am Piano begleitet wird:

Die Liebesgeschichte, die hier von einer Vielzahl widersprüchlicher Gefühle erzählt, handelt von einem männlichen „Ich“, das sich an die Brust der einen Geliebten zurückwünscht, um von ihr erkannt und geliebt zu werden. Doch für mich spiegelt sich in Text und Melodie in großen Teilen auch, wie ich mich seit unserer Auswanderung nach Dänemark fühle.

Oft bin ich glücklich, aber ich vermisse die Menschen, mit denen ich dieses Glück gern teilen würde – über meinen Mann hinaus. Ich liebe dieses Land und unser neues Leben – und doch tritt es mir manchmal mit großer Härte entgegen. Und oft fühle ich, dass ich das, was ich so gern ausdrücken möchte über diese Liebe und über dieses Land, nicht in Worte fassen kann, dass mir die Sprache fehlt, um angemessen davon zu erzählen, wie ein Blick auf das samtene Glitzergras, ein Hochschauen in den einzigartigen Himmel oder das sanfte Tosen des Windes mir dieses Glück in die Seele pflanzen.

Aber zum Glück ist da – in meinem Fall – der eine, bei dem ich sein kann, wie ich bin – auch wenn ich mich im Alltag oft zusammennehmen und die „Verwirrung der Gefühle“ überspielen muss.

Im Wechselspiel von Dur und Moll: Besonderheiten der Komposition

Die Widersprüchlichkeit oder sagen wir besser, die Gleichzeitigkeit von Gefühlen und Wahrnehmungen, die einander nicht aufheben, sondern sich noch gegenseitig verstärken, drückt sich auch in Nielsens Komposition aus. Das Lied ist ursprünglich in c-Moll verfasst, einer Tonart, die häufig für traurige Liebeslieder verwendet wird und wurde, die also den Blues schon in sich trägt. Die Niederschrift der Komposition könnt ihr auf dieser Seite einsehen.

Doch die Melodieführung verhält sich gegenläufig zum Text, indem sie mit Dur- und Moll-Akkorden spielt und beispielsweise die eingangs erwähnte Freude des lyrischen Ich damit musikalisch widerlegt. Diese Widersetzlichkeit der Musik gegen den Text zeigt sich auch in der Auf- beziehungsweise Abwärtsführung der Melodie: In den ersten beiden Eingangszeilen wird der Vers abwärts geführt, die Freude steigt also melodisch ab. In den folgenden zwei Zeilen wird die Trauer sprunghaft auf den Höhepunkt geführt, wo sie wiederum auf ihren Gegenpart, das Lachen trifft, bevor sie in eine kurze dramatische Spannung in Form einer verminderten Subdominante übergeht, um sich schließlich zurück in die Ruheposition ihres Grundtons zu bewegen. Bis das Spiel von vorn beginnt.

Heute, am 9. Juni 2025, würde Carl Nielsen seinen 160. Geburtstag feiern. Doch er starb am 3. Oktober 1931 an Herzversagen. Ihm zu Ehren wurde in Odense das Carl-Nielsen-Museum eröffnet, das sich etwa 220 Meter entfernt vom H.C.-Andersen-Haus befindet. Ein glücklicher Zufall (?), wie ich finde, denn die Nähe zwischen beiden Künstlern, geht über das Geografische gewiss hinaus.

Die Carl Nielsen Gesellschaft pflegt das Andenken des Komponisten (auch) in einer Onlinepräsenz, die ihr über diesen Link aufrufen könnt.

daenische Kultur, dänische Musik, Gedichte, Literaturgeschichte Tags:dänischer Komponist, tit er jeg glad interpretation

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