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	<title>KI Kunst Archives - Sabine Walther - Language Services</title>
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	<title>KI Kunst Archives - Sabine Walther - Language Services</title>
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		<title>Demokratisiert KI die Kunst?</title>
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		<pubDate>Tue, 12 Mar 2024 14:17:15 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienkritik]]></category>
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		<category><![CDATA[Politik und Gesellschaft]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ich habe schon viel Eigenartiges über trainierte Software gelesen. Bisher dachte ich, das Dümmste sei, sie als künstliche „Intelligenz“ zu bezeichnen. Aber irgendwer setzt halt immer noch einen drauf. Und so steht in meiner persönlichen Rangliste nun die Aussage auf Platz 1, KI „demokratisiere“ die Kunst. Was ich aus welchen Gründen darüber denke, erfahrt ihr...</p>
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<p class="wp-block-paragraph">Ich habe schon viel Eigenartiges über trainierte Software gelesen. Bisher dachte ich, das Dümmste sei, sie als künstliche „Intelligenz“ zu bezeichnen. Aber irgendwer setzt halt immer noch einen drauf. Und so steht in meiner persönlichen Rangliste nun die Aussage auf Platz 1, KI „demokratisiere“ die Kunst. Was ich aus welchen Gründen darüber denke, erfahrt ihr in diesem Beitrag.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Demokratisierung der Kunst oder organisierte Kriminalität?</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Aussage, dass KI die Kunst demokratisiere, &nbsp;wird vor allem von Menschen getroffen, die etwas nicht können. Die nicht zeichnen können, aber Illustrationen, Grafiken oder Kunstwerke benötigen; die nicht schreiben können, aber Texte und Bücher verkaufen wollen, die keine Ahnung vom Komponieren oder Musizieren haben, aber Musikvideos produzieren möchten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bisher mussten sich die Nichtkönner mit anderen zusammentun, um solche Werke zu kreieren. Sie mussten also entweder einen eigenen Beitrag leisten, sich vernetzen, oder für die Arbeit anderer Menschen bezahlen – und sei es nur mit einem Copyright-Hinweis. Heute nennen sie es Demokratisierung, wenn sie diese Arbeit stehlen oder von der KI stehlen lassen. Denn weder die Künstler und Künstlerinnen noch ihre Vertretungen erhalten auch nur einen Cent dafür. Die einzigen, die daran verdienen, sind die Verursacher dieser organisierten Kriminalität und jene, die sich daran hemmungslos bedienen, um künstliche Produkte zu verkaufen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die finanziellen Auswirkungen sind schon jetzt für eine Vielzahl an Kreativen und Freiberuflern spürbar. Weil aber Freiberufler keine Lobby haben, weil sie Gewerkschaftern wie Finanzämtern immer schon ein Dorn im Auge waren und weil sie es gewohnt sind, mit niederträchtigen Versuchen, sie auszubeuten, umgehen zu müssen, arrangiert man sich oder gibt (sie) halt irgendwann auf. Zugunsten all jener, die nun Produkte herstellen, für die sie „Prompt Engineers“ statt Kreative und Künstler beschäftigen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Kunst erschöpft sich nicht im Produkt, sondern wird lebendig im Schaffensprozess</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Doch die finanzielle Ausbeutung von Künstlern und Kreativen ist nur eine Folge der „Demokratisierung“ von Kunst. Eine weitere, nicht minder schwerwiegende besteht darin, dass der Schaffensprozess selbst geraubt wird. Denn die Wirklichkeit und die Möglichkeit von Kunst sowie ihr Wert für die Gesellschaft bemessen sich nicht an der Summe ihrer Produkte, sondern an eben diesem Schaffensprozess selbst.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Vergleich zum Kochen liegt nah: Warum solltest du dir die Mühe machen, zu säen, zu gärtnern, zu ernten und alle Zutaten liebevoll in einer einzigartigen Rezeptur zusammenzustellen, wenn du auch eine Dose öffnen und ihren Inhalt aufwärmen kannst?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Oder stelle dir eine Spitzensportlerin vor, die viele Jahre trainiert hat, um an der Olympiade teilnehmen zu können. Würde es der Demokratisierung des Sports dienen, ließe ihre Konkurrentin sich von Robotern über die Ziellinie tragen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">KI befriedigt Bedürfnisse, Kunst stillt einen Hunger, den sie zugleich neu entfacht. KI berechnet, was dir am besten schmecken wird, Kunst fordert deine Sinne heraus. KI konserviert, Kunst aktualisiert. KI demokratisiert die Kunst nicht, sie banalisiert sie. Sie beraubt dich des Tuns, der Anstrengung, der Hoffnung, der Möglichkeit des Scheiterns und schlussendlich der Aussicht, dich als selbstwirksam und frei zu erfahren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber gibt es nicht auch jede Menge Kunstwerke, die schlechter sind als alles, was man mit KI so erstellen kann? Vermutlich. Doch genau darauf kommt es nicht an. So wie die Liebe oder die Freiheit nur dort sein können, wo es Menschen gibt, die lieben und sich selbst zum Frei-Sein ermächtigen, so kann Kunst nur dort existieren, wo Menschen sich dem Schaffensprozess widmen, ganz gleich, ob sich die Ergebnisse am Ende verkaufen lassen oder nicht. Kunst ist kein Produkt, Kunst ist Tun. Weshalb ein Künstler KI nutzen kann, um seinem Schaffen eine neue Ebene hinzuzufügen, sich ein Nichtkönner jedoch niemals als wirksam und frei erfahren wird, sofern er sich nicht selbst belügt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schon deshalb ist die Aussage, KI demokratisiere die Kunst, nicht nur von unerträglicher Ignoranz und Dummheit gegenüber allen, die sich auf diesen Schaffensprozess einlassen. Sie zeugt auch von der Banalität einer Kunstauffassung, die die Vernichtung des künstlerischen Schaffens zur Folge haben und sich als totalitäre Herrschaft am Produkt erweisen wird. </p>
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		<title>Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit</title>
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		<dc:creator><![CDATA[language services]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 03 Oct 2022 15:58:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Politik und Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[KI Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst als Massenprodukt]]></category>
		<category><![CDATA[technologischer Wandel und Sinneswahrnehmung]]></category>
		<category><![CDATA[Walter Benjamin]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Über Walter Benjamins Essay und dessen Bedeutung für die Gegenwart Knapp 40 Seiten umfasst Walter Benjamins berühmter Aufsatz zur technischen Reproduzierbarkeit von Kunstwerken. Trotz dieser Kürze gilt er als „Gründungsdokument der modernen Medientheorie“. Benjamin befasst sich darin mit der Frage, wie die Möglichkeit, Kunstwerke unendlich zu reproduzieren, unsere Wahrnehmung von Kunst und unsere Bewertung und...</p>
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<p class="wp-block-paragraph"><strong>Über Walter Benjamins Essay und dessen Bedeutung für die Gegenwart</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Knapp 40 Seiten umfasst Walter Benjamins berühmter Aufsatz zur technischen Reproduzierbarkeit von Kunstwerken. Trotz dieser Kürze gilt er als „<a rel="noreferrer noopener" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Kunstwerk_im_Zeitalter_seiner_technischen_Reproduzierbarkeit" target="_blank">Gründungsdokument der modernen Medientheorie</a>“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Benjamin befasst sich darin mit der Frage, wie die Möglichkeit, Kunstwerke unendlich zu reproduzieren, unsere Wahrnehmung von Kunst und unsere Bewertung und Interpretation von Wirklichkeit verändert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Aufsatz entstand 1936, als Benjamin selbst sich bereits ins Exil flüchten musste, also vor dem Hintergrund des sich zum Massenphänomen entwickelnden Faschismus. Doch die Fragen, die er stellt und zu denen er anregt, sind auch fast neun Jahrzehnte noch aktuell.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Fragen, mit denen ich dem Text begegne</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Gelesen habe ich Benjamins Essay mit ganz eigenen Fragen im Kopf. Ich befasse mich derzeit sehr intensiv damit, <a href="https://sabinewalther.eu/autorin/objektiv/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">wie sich unsere sinnliche Wahrnehmung durch die Nutzung von Technologien verändert</a>. Mich interessiert insbesondere das Phänomen des Gaffens und Filmens, mit dem sich (nicht nur) Rettungskräfte heute immer häufiger konfrontiert sehen. Dieses steht für mich in einem Zusammenhang mit einer neuen Form von Gewalt: dem Cybermobbing und speziell dem Hochladen von entwürdigenden und gewalttätigen Aufnahmen am Smartphone.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Meine Thesen dazu lauten, dass</p>



<ul class="wp-block-list">
<li>sich durch den massenhaften Konsum von technisch vermittelten Bildern die Wahrnehmung vieler Menschen bereits vehement verändert hat.</li>



<li>Gaffer und Gewalttäter, die ihre Taten filmen, sich mit dem Smartphone verbinden, nicht aber mit dem Geschehen, das sie aufnehmen; dies umso mehr, da es sich zumeist um Laien handelt, die die Technologie nicht „im Griff“ haben.</li>



<li>diese Menschen etwas „Einzigartiges“ schaffen wollen, was erst dadurch an Wert gewinnt, dass sie es anschließend wie ein Kunstwerk in ihre Netzwerke hochladen und präsentieren können.</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph">Alle drei Thesen sehe ich durch Benjamins Aufsatz bestätigt.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Echtheit und Aura unterscheiden Original und Kopie</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Walter Benjamin thematisiert in seinem Essay, wie die technologische Reproduzierbarkeit von Kunst unsere Wahrnehmung verändert. Das Werk legt den Schluss nahe, dass es einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen diesem Wandel und dem Aufkommen des Faschismus gibt, da Massenkultur und Faschismus verschiedene Aspekte eint.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Um Benjamins Ausführungen folgen zu können, ist es allerdings notwendig, eine Prämisse zu akzeptieren, die wegen ihrer Begrifflichkeit zunächst irritieren dürfte. Benjamin unterschied das Kunstwerk als Original von der Kopie durch den Begriff der Echtheit, die schließlich dazu führt, dass das Original eine jeweils eigene „<em>Aura</em>“ umgibt. Damit ist allerdings kein Geistwesen oder eine spirituelle Energie gemeint. Die Aura des Kunstwerkes ergibt sich aus dessen</p>



<ul class="wp-block-list">
<li>Einzigartigkeit,</li>



<li>Bezug zum Hier und Jetzt,</li>



<li>Entstehungsgeschichte,</li>



<li>Bezug zu einem Ritus oder einer Tradition.</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph">Die Aura sorgt für eine gewisse Distanz des Betrachters, durch die allein er das Kunstwerk genießen und wahrnehmen kann. Insgesamt erlangt das Original damit eine Autorität, die der Kopie fehlt. Die technische Reproduktion verfügt über keine solche Aura und verzichtet auf jeden Echtheitsanpruch.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Verlust der Aura und Ausbettung führen zur Veränderung der sinnlichen Wahrnehmung</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die technische Reproduktion hebt das Kunstwerk aus all diesen Zusammenhängen heraus. Es lässt sich beliebig oft kopieren, überall aufstellen oder an die Wand hängen, verliert den Anspruch auf Echtheit, Einzigartigkeit und Autorität. Der Konsum technisch reproduzierter Kunstwerke verändert damit auch die Wahrnehmung – und zwar nicht in einem irgendwie übertragenen Sinn, sondern ganz konkret.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Denn die „<em>Art und Weise, in der die menschliche Sinneswahrnehmung sich organisiert – das Medium, in dem sie erfolgt – ist nicht nur natürlich, sondern auch geschichtlich bedingt. Verschiedene Epochen haben nicht allein unterschiedliche Kunststile, sondern auch verschiedene Arten der Wahrnehmung</em>“ (Kapitel III). Das Einzigartige weicht innerhalb einer unendlich kopierbaren Wirklichkeit dem Gleichartigen.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Die Masse macht’s – Reproduktionstechnologien aus Sicht des Kapitals</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Investition und Weiterentwicklung in Reproduktionstechnologien lohnt sich aus wirtschaftlicher Sicht jedoch nur, wenn sie von den Massen angenommen werden oder für die Massenproduktion genutzt werden. Im vierten Kapitel seines Aufsatzes führt Benjamin diesen ökonomischen Ansatz seines Essays am Beispiel Film aus. In diesem sei „<em>die Massenproduktion schon deshalb angelegt, weil die Produktion selbst so teuer ist, dass sie sonst nicht leistbar wäre</em>“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Massenproduktion muss daher zwangsläufig einen allgemeinen Geschmack hervorbringen und wird gleichzeitig von dem, was die Masse wünscht und fordert, beeinflusst. Kunst, so interpretiere ich diesen Gedanken, steht dieser Masse dann nicht mehr als Gegenstand der Betrachtung zur Verfügung, sondern entspringt ihrer Vorstellung, was Kunst sein soll und sein darf. Diese Allgemeintauglichkeit aber geht mit einer Verflachung einher, da das, was allen gefallen soll, eben nicht einzigartig und besonders sein darf.</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Verbindung mit dem Apparat statt mit dem Kunstwerk oder dem Künstler</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Benjamin stellt der technischen Produktion von Filmen die Aufführung von Theaterstücken gegenüber. Er verdeutlicht dabei, dass das Theaterstück wesentlich von der Leistung der Darsteller abhängt, mit denen sich der Betrachter verbindet. Im Film dagegen kommt der schauspielerischen Leistung untergeordnete Bedeutung zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nicht der Schauspieler repräsentiert die Darbietung, sondern die technische Apparatur. In der Folge gibt es „<em>keinen Kontakt zwischen Darsteller und Publikum. Dieses fühlt sich in den Darsteller nur rein, indem es sich in den Apparat einfühlt</em>“ (Kapitel VIII). Auch der Darsteller und damit der Mensch verliert somit im Film seine Aura, an deren Stelle der „<em>Starkult</em>“ tritt, „<em>der einem Warencharakter entspricht</em>“ (Kapitel X).</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Schockwirkung statt Kontemplation</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Und während das Kunstwerk zur Kontemplation einlädt, setzen technologische Darstellungsmittel auf die Schockwirkung einer bis dato unbekannten, distanzlosen Betrachtungsweise.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„<em>Die beweglichen Bilder besetzen den Platz der eigenen Gedanken, der eigene Assoziationsablauf wird dadurch unterbrochen. Darauf beruht die Schockwirkung des Films, die wie jede Schockwirkung durch gesteigerte Geistesgegenwart aufgefangen sein will</em>“ (Kapitel XIV).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Schockwirkung aber entspricht dem Gefühl der Bedrohung, der sich der Mensch in seiner Zeit ausgesetzt sieht. Der Film spiegelt damit auch Veränderungen im Wahrnehmungsapparat, wie sie beispielsweise „<em>jeder Passant im Großstadtverkehr</em>“ erlebt und vollziehen muss, um mit diesen Gefahren umgehen zu lernen (XIV).</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Verlust an Anspruch und Erfahrung</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Durch die Einbeziehung der Massen in die Rezeption von Kunst, wird bei diesen auch das Begehren geweckt, sich selbst als Künstler oder in verwandter Art zu betätigen. Benjamin führt dies am Beispiel „Schreiben“ aus. Während zunächst „<em>einer geringen Zahl an Schreibenden eine vieltausendfache Zahl von Lesenden gegenüberstand</em>“, zeigt sich der Wandel darin, dass um die Wende zum 20. Jahrhundert „<em>immer größere Teile der Leserschaft</em> […] <em>unter die Schreibenden</em>“ geriet (Kapitel X).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Damit verliert nicht nur die Unterscheidung zwischen Autor und Publikum an Bedeutung. Verloren geht auch der Anspruch, dass es bestimmter Erfahrungen, Kenntnisse und Talente bedarf, um sich als Autor, Journalist oder Kommentator an ein Publikum zu wenden.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Aus Fortschritt wird Lust am eigenen Untergang</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Das Fortschrittliche, das man in einer solchen Entwicklung sehen könnte, relativiert sich durch den Umstand, dass durch die technische Reproduzierbarkeit von Kunstwerken „<em>die Lust am Schauen und am Erleben</em>“ eine „<em>innige Verbindung mit der Haltung des fachmännischen Beurteilers eingeht“.</em> Dabei fallen „<em>die kritische und die genießende Haltung im Publikum auseinander. Das Konventionelle wird kritiklos genossen, das wirklich Neue kritisiert man mit Widerwillen</em>“ (Kapitel XII).</p>



<p class="wp-block-paragraph">In dieser Hinneigung zum Konventionellen besteht die Chance von Faschismus und Totalitarismus, den Massen das Gefühl zu geben, dass man ihnen zum Ausdruck verhelfen wolle, indem man ihre Sinneswahrnehmung mit technischen Reproduktionen bedient, besetzt und lenkt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„<em>Die Menschheit, die einst bei Homer ein Schauobjekt für die Olympischen Götter war, ist es nun für sich selbst geworden. Ihre Selbstentfremdung hat jenen Grad erreicht, der sie ihre eigene Vernichtung als ästhetischen Genuß ersten Ranges erleben läßt</em>“ (Nachwort).</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Bedeutung für die Gegenwart und Fazit</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Walter Benjamins Essay über das „Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ ist von einer genialen Prägnanz und Voraussicht. Er geht über das Verständnis von Kunstwerken und deren Rezeption weit hinaus. Benjamin versuchte nicht, im Sinne einer Elite, die heilige Kunst für eine auserwählte Schar zu retten, sondern leistete einen wichtigen Beitrag zum Verständnis des Faschismus, indem er auf Aspekte und Zusammenhänge einging, wie sie in Werken zur politischen Ökonomie kaum vorkommen.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Übertragung aufs Heute: Verlust an Wahrnehmung und Verbindung mit Apparaten</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Seine Ausführungen lassen sich auf die gegenwärtige Digitalisierung von Kunst, aber auch von gesellschaftlichen und politischen Prozessen übertragen und gedanklich weiterführen. Was wir derzeit erleben, gleicht einem evolutionsgeschichtlichen Bruch in der Geschichte des Sehens und Wahrnehmens. Gaffer und filmende Gewalttäter gehören bereits heute zu den Auswüchsen dieser Veränderung. Es sind Menschen, die sich voll und ganz mit der Apparatur verbinden, nicht aber mit der leidenden Kreatur.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Tendenzen zu Faschismus und Totalitarismus</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Auch die Tendenzen zu Faschismus und Totalitarismus, die Beliebigkeit der Entstehung und Verbreitung von Nachrichten, die Meinungsbildung ohne jegliche Erfahrung oder Auseinandersetzung mit einer Thematik und mit den Medien zu ihrer Verbreitung gehören dazu und sind deutlich erkennbar. Und ganz im Geiste des Faschismus wendet sich eine Partei wie die AfD an die vermeintlich unerhörte Masse, der sie zum Ausdruck verhelfen will, aber „<em>beileibe nicht zu ihrem Recht</em>“. Wie damals versucht man heute, „<em>die neu entstandenen proletarisierten Massen zu organisieren, ohne die Eigentumsverhältnisse, auf deren Beseitigung sie hindrängen, anzutasten</em>“ (Nachwort).</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Fortschritt als Pakt mit dem Kapital: Mensch ohne Aura</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Doch sind es nicht die ewig Rückwärtsgewandten, die mir allergrößte Sorge bereiten. Es ist der Begriff des Fortschritts, der in Benjamins Schrift einen ungewohnten Stellenwert erhält. Auch heute ist jeder Fortschritt an einen ökonomischen Gegenwert gebunden. Er muss sich lohnen, muss die Masse erreichen, sie sich zunutze machen und von ihr angenommen werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Das Kapital“ braucht dafür ein Individuum ohne Aura; eines, das entwurzelt und beliebig sein kann, was immer es zu sein wünscht. Denn nur ein solches Individuum erfindet sich beständig selbst und neu und bleibt dabei doch purer Konsument von Reproduktionstechnologien – sei es nun im künstlerischen, sei es im medizinischen oder auch in jedem erdenklichen anderen Bereich.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Automatisierung und Roboterisierung – es gibt Wichtigeres zu besprechen</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Ausbettung des Originals aus seinem Zusammenhang, die Täuschung unserer Wahrnehmung, die Verbindung mit Apparaten statt mit Kreaturen und der Verlust an praktischer Erfahrung sind wichtige Merkmale und Begleiterscheinungen jenes Prozesses, den wir als digitale Transformation bezeichnen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Gegensatz zu Automatisierung und Roboterisierung der Arbeitswelt, die letztlich nur das logische Ende der Rationalisierung darstellen, haben wir diese aber kaum im Blick. Nachdem ich Benjamins Essay gelesen habe, wird mir einmal mehr klar, dass es dringend an der Zeit ist, dies zu ändern. Denn das Original, um dessen Erhalt wir heute ringen sollten, ist letztlich der Mensch selbst.</p>



<p class="wp-block-paragraph">================================</p>



<p class="wp-block-paragraph">Walter Benjamins Essay „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ ist in allen bekannten Fachbuchverlagen als Printversion erhältlich und steht als eBook in der Kindle Edition zum Download bereit. Unbedingte Leseempfehlung!</p>
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